Lucky’s loss of luck

Freitag, 14 Uhr, Bahnhof Winterthur, Gleis 6.

Ich sitze frierend auf der Wartebank. Ein junger, grosser, dunkelhäutiger Mann setzt sich neben mich. Er dreht seinen Kopf, auf dem er eine schwarze Cap des Labels YMCMB trägt, zu mir und blickt mich durch seine Ray-Ban Brille, das klassische Wayfarer-Modell, an. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er zu mir zu sprechen scheint. So pausiere ich die Klänge von Passenger, die mir wenigstens ein bisschen Wärme durch die Ohren in meinen Körper pumpen, und nehme den rechten Kopfhörer aus dem Ohr.

„Entschuldigung, was?“ – „Man, it’s too cold! When will the winter leave?“

Ich überlege mir kurz, seine Meinung mit einem Nicken und bejahendem Murren zu quittieren, damit ich in den letzten verbleibenden Minuten bis zur Zugeinfahrt nochmals die Wärme, wenn sie denn nicht bereits von der starken Bise weggeblasen worden ist, zu suchen.

„In vier Minuten kann ich sowieso in der warmen S7 sitzen“ denke ich mir und versorge die Kopfhörer in meinem mattroten FREITAG-Rucksack, dessen Tragen ein verzweifelter Versuch ist, dem von grauen Wolken überzogenen Winterthur, wenigstens ein bisschen Farbe zu geben.

„It already should have gone. But it’s april now, the weather is crazy. One day the sun is shining and the next it’s almost snowing. This is Switzerland.“ Er reibt sich die Hände und schaut mich erstaunt an, als hätte er sich erhofft, ich sage ihm, der Frühling präsentiere sich morgen, und dies in voller Pracht.

Wir kommen ins Gespräch. Er fährt nach Oerlikon, also setzen wir uns miteinander in ein Abteil im oberen Stockwerk. Lucky heisst dieser Mann. Er ist 32 Jahre alt und seit zwei Monaten in einem Asylantenheim wohnhaft. Seine linke Gesichtshälfte ist von einer lange Narbe, die sich vom Mundwinkel bis zum Ohrläppchen zieht, geprägt. Ich frage ihn nicht nach deren Ursprung, vielmehr interessiert mich, was er hier in der Schweiz macht, wieso er sich entschieden hat überhaupt hierher zu kommen.

Eine Arbeit finden, bessere Chancen haben. Diese zwei Gründe nennt er mir. Seine zwei Kinder, beides Mädchen, noch jünger als 10, sind mit seiner Frau und seiner Mutter in Nigeria geblieben. „Daddy, we need money to pay the school fees“ sagten sie ihm beim letzten Telefonat. Das Geld, das er hier bekommt, schickt er grösstenteils runter. Es ist nicht viel. Er bekommt keinen Job, da seine Papiere in Italien sind.

Der Zug fährt in Kemptthal ein. Wir schauen aus dem Fenster auf den Bahnsteig. Lucky zeigt auf einen dunkelhäutigen Mann der aussteigt und die Unterführung hinuntergeht. „You see him? He got stopped by the police in the rail station we left before. Twice. They stopped him and examined him. They came towards me afterwards to ask me where I’m going. I wasn’t looking at them, I checked the departure timetable and out of the blue they stood in front of me.“ Ich schüttle den Kopf und sage ihm, wie ich diese Vorurteile hasse. Dass jeder Dunkelhäutige ein Dealer sein könnte und die Polizei gerade auf ihn zusteuert um ihn zu Durchsuchen.

Auf meine Frage, ob er den Rassismus spürt und selber damit Erfahrungen machen musste, verneint er. Die Leute seien alle freundlich. Die Polizei und Behörden mag er nicht. Sie sind diejenigen die ihn schikanieren. Auf eine vom Gesetz her legale, ethisch aber unkorrekte, Weise. Lucky meint zu mir: „If my mother would give birth to me again, I don’t want to be this colour again. I don’t want to be black. I want to be as you. White.“ Zuviele Probleme bringe ihm seine Hautfarbe. Als ob jeder Weisse hier in der Schweiz eine Weste derselben Farbe, wie seine Haut es ist, vorweisen kann, höre ich mich selber sagen. Auf Deutsch. Lucky schaut mich verdutzt an, ich bemerke meinen kleinen Fauxpas und übersetze das Idiom ins Englische. Mich nimmt Wunder, welche Sprachen er denn spricht, nebst dem Englisch. Ein wenig Italienisch, eine nigerianische Sprache und Arabisch. Letztere habe er während seinem dreijährigen Aufenthalt in Libyen gelernt.

„I’m so fucking tired“ sagt er. Ich erwarte ein herzhaftes Gähnen, Seufzen oder irgendein anderes Geräusch, dass seine Müdigkeit zum Ausdruck bringt. Bei einem weiteren Blick in sein Gesicht begreife ich. Es ist keine Müdigkeit die sich bei konstantem Schlafmangel durch Augenringe zeigt. Es ist keine Müdigkeit wegen der er sofort auf der Stelle einschlafen könnte. Hier auf dem mit Stoff überzogenen Sitz. Lucky ist müde vom Nichtstun. Von der Ungewissheit was als nächstes geschieht.

„So what are you going to do next?“ frage ich ihn trotzdem. Er hofft, in Italien seine Papiere holen zu können und dann zurückzukommen um hier eine Arbeit zu finden. Momentan fehlt ihm aber das Geld. In seine Heimat zurückkehren kann er nicht, dort musste er bereits um sein Leben rennen. Seiner Glaubenseinstellung wegen.

Wieso pumpen wir x Millionen in unser militärisches System? In unsere Milizarmee, die wir gar nicht brauchen. Zumindest nicht in einem solch grossen Ausmass wie es jemals möglich wäre mit all diesem verpufften Geld. Wieso kaufen wir neue Kampfjets um damit in der Freiheit der Lüfte dem Publikum eine tolle Flugshow abzuliefern? Könnte man diese Wahnsinnsbeträge nicht teilweise dafür einsetzen um solchen Menschen, wie ich einen in Lucky getroffen habe, zumindest eine gewisse Freiheit zu geben. Eine Hilfestellung um frei zu sein. Frei zu sein im begrenzten Leben eines Asylanten.

Viel zu schnell war der Zug in Effretikon und ich musste umsteigen. Ich wünschte Lucky alles Gute, dankte für dieses spannende Gespräch und sagte ihm, ich hoffe, dass er seinem Namen bald wieder gerecht werden und immer so lächeln kann, wie er es soeben tat, als er mich mit einem kräftigen „See you soon!“ verabschiedete.

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